Eisweinlauf

– Genuss pur, auch ohne Eiswein

(Bericht von Norbert Rößler)

Die meisten Menschen, wahrscheinlich sogar die meisten Läufer, können sich wohl Angenehmeres vorstellen, als an einem Sonntagmorgen Mitte Dezember um 5.30 Uhr nach einer Nacht in einer „heimeligen“ Sporthalle aufzustehen, ein (leckeres, abwechslungsreiches und reichhaltiges) Frühstück einzunehmen, durch eine noch dunkle, schlafende Stadt zum Bahnhof zu marschieren; schließlich in den Zug zu steigen, um eine halbe Stunde gen Süden zu fahren, nur um anschließend in ca. 9 Stunden ca. 65 Km gen Norden zu laufen.
Aber genau das hatten wir vor und so standen wir kurz vor 8 Uhr vor dem Bahnhof in Offenburg und lauschten den letzten Instruktionen von Rolf MahlbUrg, dem Organisator des Eisweinlaufes. „Gemeinsam laufen, laufend helfen, gemeinsam ankommen“ heißt das Motto des Laufes und damit sind schon einige der Rahmenbedingungen genannt. Es handelt sich nicht um einen Wettkampf. Es gibt auch keine Zeitgruppen. Alle Teilnehmer laufen gemeinsam und wer sich das Plantempo von ca. 9 Km/ Std. nicht über die gesamte Strecke
zutraut, absolviert eben nur ein oder mehrere Teilstücke.
Die Aussage „laufend helfen“ bezieht sich darauf, dass die „Überschüsse“ aus dem Lauf zuzüglich eventueller Spenden einem wohltätigen Zweck zugeführt werden. Dass bei einem Kostenbeitrag von 35 € und den gebotenen Leistungen allerdings viel übrigbleibt, ist kaum vorstellbar ( letzte Nachricht von Rolf: Überschuss auch Dank zahlreicher Spenden ca. 380 Euro).
Das beginnt schon am Vorabend des Laufs. In der Sporthalle, in der nachher auch übernachtet werden kann, trifft man sich zum gemeinsamen Abendessen. Gemüsemaultaschen mit Salat gab es und zum Nachtisch allerlei „Selbstgebackenes“ .
Überreichlich und durchaus kulinarischen Ansprüchen standhaltend (einer der Mitläufer betreibt einen Party-Service und bekochte uns köstlich). Rolf Mahlburg erläuterte uns nochmals die Planungen für den nächsten Tag (Aufstehen 5.30 Uhr), gemeinsames Frühstück um 6.00 Uhr, „Spaziergang zum Bahnhof in Bühl“, Bahnfahrt nach Offenburg). Wichtiger war an diesem Abend aber das gegenseitige Kennen lernen. Viele Läufer kamen natürlich aus der näheren Umgebung. Einige waren dabei, die nächstes Jahr den Marathon des Sables laufen und sich so kennen gelernt hatten und einige wenige waren wie ich bei „steppenhahn“ im Internet auf den Vorjahresbericht gestoßen und hatten sich davon animieren lassen. Aber beim Fachsimpeln und Erfahrungen austauschen kamen wir uns schnell näher und so wurde es ein richtig schöner Abend unter Gleichgesinnten. – und folglich eine recht kurze Nacht.
Und jetzt standen wir also in Offenburg dem Ausgangspunkt des Ortenauer Weinpfades. Dessen Zeichen (rote Raute mit Weintrauben auf weißen Grund) würden wir heute bis nach Baden-Baden folgen. 30 Läufer wollten die Gesamtstrecke unter die Füße nehmen. Recht unterschiedlich in ihrer Leistungsfähigkeit. Ich war gespannt, wie sich Rolf´s logisch klingender Ratschlag: “Die Schnellen laufen etwas langsamer als sonst und die Langsamen eben etwas schneller“, in der Praxis bewähren würde. Zügig ließen wir Offenburg hinter uns. Die ersten

Weinberge warteten. Die ersten Höhenmeter waren fällig. Die Laufjacken wurden bei Temperaturen um 11° C bald aufgeknöpft oder sogar umgebunden. Dieser Übermut gefiel Petrus aber gar nicht. Zur Vorwarnung schickte er uns einige kräftige Windböen und dann schüttete es ein Viertelstündchen ganz ordentlich und richtig kalt. Das schlug unserer fröhlichen Laufgruppe doch sehr aufs Gemüt und so mancher machte sich seine Gedanken,darüber, wie das wohl werden würde, wenn das Wetter den ganzen Tag so bleiben würde.

Gott sei Dank nahte jetzt nach gut 10 Kilometern die erste Verpflegungsstelle am Schloss hinter Durbach und was da geboten wurde,

 
ließ die Stimmung wieder in ursprüngliche Höhen steigen. Tee und Kaffee waren bei diesem Wetter am meisten gefragt, aber auch Cola, Wasser und Vitamalz sollten im Laufe des Tages noch ihre Berechtigung bekommen. Neben verschiedenen Riegeln, Salzbrezeln und Süßigkeiten (Schokolade, Gummibären) hatte es mir vor allem das Weihnachts-gebäck angetan, das in reicher Vielfalt angeboten wurde.
Da fiel es richtig schwer sich wieder von der Verpflegungsstelle loszureißen, aber jetzt wartete ein besonders schönes Teilstück auf uns. Von Durbach ging es durch die Weinberge nach Oberkirch (2. Verpflegung), an Waldulm vorbei nach Kappelrodeck und schließlich nach Sasbachwalden. Weinkennern lassen diese Ortsnamen das Wasser im Mund zusammenlaufen und nicht weniger genussreich ist die Gegend für Läufer. Der Weg verläuft immer durch die Weinberge, überwiegend auf asphaltierten Wirtschaftswegen teilweise aber auch auf wunderbaren Naturpfaden. Die Weinberge und die Schwarzwaldausläufer bieten reichlich Höhenmeter, so dass das Lauftempo von knapp 9 Km/h nicht unterschätzt werden sollte. Es bieten sich tolle Ausblicke sowohl Richtung Schwarzwald, aber vor allen hinaus in die Rheinebene.

Und als Zusatzschauspiel gab es heute faszinierende Wolkenbilder zu bewundern.

Mal drohend dunkel, mal in gleißendes Sonnenlicht getaucht – das Wetter meinte es mit Ausnahme des kurzen Schauers am Anfang gut mit uns.

Und da man an jeder Verpflegungsstelle auf die vorher im Begleitbus deponierte Wechselkleidung zurückgreifen konnte, hatten wir die Nachwirkungen des Regens schnell überwunden.

In Sasbachwalden (3. Verpflegung; als Besonderheit gab es hier einen kompletten Apfelkuchen, der die Ankunft der Läufer genau 4 Minuten lang überdauerte) hatten wir die Hälfte der Strecke geschafft. Hier kamen zum ersten Mal auch „Teilstreckenläufer“ dazu. Sie brachten genauso viel Disziplin auf, wie die Langstreckler. Natürlich zog sich die Gruppe ab und zu auseinander und besonders wenn es Richtung Verpflegungsstelle ging, büchsten die Schnelleren ein wenig aus, aber Rolf musste nur ganz selten seine Trillerpfeife einsetzen. Obwohl einige Teilnehmer jetzt Neuland betraten, da sie diesen Lauf nutzten um ganz stressfrei einen ersten Ultra zu versuchen. Auch Ewald schaute nicht mehr ganz so vergnügt: Als Vorbereitung auf den Marathon des Sables trug er einen 5-Kg-Rucksack durch die Weinberge und am Ende des Tages war er sichtbar froh, dass es in der Wüste nicht so viele Berge geben wird.

Auch die vierte Verpflegungsstelle an der Burg Windeck bot verpflegungsmäßig wieder ein besonderes Schmankerl: Glühwein war jetzt zusätzlich im Angebot, aber nach mittlerweile knapp 50 Km hielt ich mich doch lieber an das alt-

bewährte Cola. Obwohl der Glühwein zum wieder reichlich angebotenen Kuchen und Weihnachtsgebäck sicher besser gepasst hätte – muss ich nächstes Jahr dann mal testen. Vielleicht wird dann Glühwein mein neues Lieblingslaufgetränk.

Auch ohne Glühwein, habe ich dann nur wenige Kilometer nach der Burg den Faux-pas des Tages produziert. Den ganzen Tag über hatte ich den Lauf mit meiner Video-Kamera „festgehalten“, um anschließend ein kleines Filmchen zu produzieren. Überhaupt wurde dieser Lauf wahrscheinlich der am besten dokumentierte, den es je

gab. Neben meinen Videoaktivitäten waren sowohl zwei Läufer, als auch 2 Begleitradfahrer noch photographisch tätig und produzierten wirklich Hunderte von Bildern – an Erinnerungen (zusätzlich zu denen im Kopf) besteht also kein Mangel. Aber zurück zum Faux-pas. Nachdem wir doch längere Zeit im Wald gelaufen waren, wurde die Landschaft wieder offener. Weite Blicke boten sich hinaus in die Rheinebene nach Bühl, phantastische Wolkenbilder alles in gleisendes Sonnenlicht getaucht. Da musste ich einfach mal wieder anhalten und filmen – ein weiter Schwenk
hinter der Laufgruppe her, verschiedene Aufnahmen von Rheinebene und Wolken. Dann noch kurz in die Büsche und hinter meiner Gruppe her. Der breite Weg führte angenehm fallend Richtung Bühlertal – der Weg fiel und fiel, er wand sich immer weiter Richtung Bühlertal und meine Eisweinläufer kamen einfach nicht in Sicht. Also einen Zahn zulegen, ein wenig Intervalltraining einschieben – die Laufgruppe blieb verschwunden. Ich will es kurz machen: Sie blieb verschwunden. Ich hetzte durch die Berge um Bühlertal (ganz erstaunlich, was die Beine nach 50 Km noch leisten können, wenn sie plötzlich einen Adrenalinschub bekommen), allerdings in die falsche Rich-

tung (Murphy lässt grüßen), so dass ich immer höhere Schwarzwaldberge zu erklimmen hatte – und nach einstündiger Suche schließlich aufgab. Kurz darauf fand ich den richtigen Weg dann wieder (Wer nicht sucht, der findet), aber mittlerweile war der Vorsprung der Anderen zu groß geworden, also trabte ich zurück ins Hauptquartier, das sich (Glück im Unglück) in laufbarer Entfernung befand und nutzte mein frühes Eintreffen schon mal für eine herrlich warme Dusche.

Die Anderen genossen während meines „Ausritts“ weiter die Weinberge und die letzte Verpflegungsstelle bei Neuweier, den Sonnenuntergang und anschließend den Nachtlauf hinein nach Baden-Baden. Mittlerweile war es doch

kalt geworden und nicht nur Eddi, der die ganze Strecke „in kurz“ gelaufen war, begann bei jetzt nur noch 4°C langsam zu frösteln. Da kamen der Glühwein und der Sekt beim Schlussempfang
auf dem Weihnachtsmarkt in Baden-Baden gerade recht. Mir entging dieses Highlight leider – ein Grund mehr nächstes Jahr wieder dabei zu sein.
Der Rücktransport aller Läufer zu unserer Sporthalle klappte reibungslos und zum Aufwärmen gab es dann als Nachtessen einen schmackhaften Gemüseeintopf. Der Lauf und auch meine Eskapaden boten beim abschließenden Zusammensitzen natürlich viel Gesprächsstoff und mittlerweile hatte ich so viele neue Bekanntschaften geknüpft,
dass wir auch schon die ersten Laufpläne für 2004 schmiedeten.
Zum guten Schluss überreichte Rolf mit launigen Worten jedem Teilnehmer eine Urkunde und denen, die die ganze Strecke absolviert hatten noch ein kleines Weinpräsent. So fand ein wirklich schönes Laufwochenende seinen stimmungsvollen Abschluss. Danke an Rolf, seine Familie und seine Freunde für die Organisation dieses außergewöhnlichen Laufs.

 

P.S. Und am 3. Advent 2004 werden wir uns wieder sehen – spätestens, denn die ersten anderweitigen gemeinsamen Laufpläne sind, wie gesagt, bereits geschmiedet.