2. Internationaler Eisweinlauf 

 
 

Ortenauer Weinpfad

von Offenburg nach Baden-Baden   am 14.12.2003

(Bericht von: Dr. Elvira Weißmann-Orzlowski)

 
 

 

Nicht immer ist mir wirklich klar, ob manche meiner Eigenschaften Fluch oder Segen sind. Beispielsweise meine Disposition, selektiv zu lesen, meine Neigung, mich unsterblich in bestimmte Wortverbindungen zu verlieben oder meine Unlust, mir unter Zahlen- und Mengenangaben etwas vorstellen zu wollen (ganz gleich, ob es sich dabei um 100g Feldsalat oder 1800 Höhenmeter handelt). All das ist gekoppelt mit grenzenloser Begeisterungsfähigkeit und dem heftigem Widerstand, mich von eventuell auftretenden Problemen an meinen Plänen hindern zu lassen.

Besagte Wortverbindung, in die ich mich sofort verliebte, war Eisweinlauf. Eis-wein-Lauf . Welch wunderbares Wort! Eines, das auf der Zunge zergeht. Das lieblich, leicht, süß, kühl und fruchtig schmeckt und prickelt. Im Abgang Leichtigkeit und Luxus. Ein Wort, das einen unmittelbaren „Muss-ich-haben“-Reflex in mir auslöst. Voller Begeisterung rief ich Grace an: „Sag mal, der Rolf, der auch mit in die Wüste geht, hat zum 2. Internationalen Eisweinlauf eingeladen. Die Strecke verläuft über den Ortenauer Weinpfad von Offenburg nach Baden-Baden. Die Streckenlänge ist etwa 65 km, 1800 Höhenmeter sind zu bewältigen und das Ganze in 9 Stunden (siehe Streckenplan, Höhenprofil). Der Lauf gliedert sich in 5 Etappen. Das heißt, ungefähr alle 10 km gibt es eine 10-minütige Pause mit Verpflegung. Machst du mit?“

Darauf Grace: „Gut. Wann geht es los?“

Nachdem wir unsere Teilnahme an diesem Event so gründlich diskutiert hatten, meldeten wir uns an. Wir sahen dem Lauf mit Zuversicht und Freude entgegen. Hätten wir anders gehandelt, wenn wir zu diesem Zeitpunkt gewusst hätten, dass es sich um 69 km und 1900 Höhenmeter handelt? Wohl eher nicht.                                   

Der Lauf stand unter dem Motto „Zusammen loslaufen, zusammen ankommen“. Von Rolf bekam ich die Auskunft, dass wir „nicht schnell“ laufen würden.

Das löste bei mir unmittelbares Misstrauen aus. „Nicht schnell“ ist unter Läufern relativ. Für den einen bedeutet das 3 Minuten 15 auf den Kilometer, für den anderen 7 oder 8. Also besser nachfragen. Rolf war erstaunt ob meines „mangelnden Vertrauens“. Nun, ich halte es da lieber mit Lenin (Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser). Nach einiger Überzeugungsarbeit hatte ich dann die Zeit aus ihm herausgepresst: Wir würden etwa einen 7er-Schnitt laufen. Machbar für Grace und mich, und so sahen wir dem Ereignis mit großer Freude entgegen.

Endlich kam der große Tag und wir fuhren los. Gegen eine Gebühr von € 35,00 hatten wir das Paket 2 gebucht: Übernachtung in einem Vereinshaus in Bühl, abendliches Carbo-Loading, Frühstück, Transfer zum Start, Versorgung auf der Strecke und Abschlussessen.

Etwa 20 Läuferinnen und Läufer hatten sich an diesem Abend versammelt; vier von uns würden im April 04 den Marathon des Sables laufen. Natürlich gab es allseits viel zu erzählen. Trotzdem schauten wir immer auf die wunderbar gedeckten Tische, denn unsere Mägen machten sich mit leichtem Knurren bemerkbar.

Das   Warten lohnte sich: als Hauptgang gab es köstlicheMaultaschen, leckereren Kuchen als Nachspeise und Getränke bis zum Abwinken.

Rolf hatte ein dickes Sparschwein aufgestellt und bat darum, einen freiwilligen Obolus als Gegenwert für die Getränke zu spenden. Das Geld würde er an die Lebens-Hilfe für behinderte Menschen (Lebenshilfe Bühl e.V.) weiterleiten.

Da kann ich nur sagen: Noch besser als Laufen ist, für einen guten Zweck zu laufen!

Das Abendessen hatte mit 20 Minuten Verspätung begonnen, und Rolf versprach, dass wir die Zeit auf´jeden Fall am nächsten Tag aufholen würden. Dann erklärte er den Plan: Wecken um 5:30, Frühstück um 6, Abmarsch um halb 7. Und dass wir ja pünktlich wegkommen!!! Klar, das war auch in unserem Interesse.               

Gegen 21 Uhr ging ein Teil schlafen, während die anderen noch ratschten. Ulkig, so ein Erwachsenen-Biwak. Ich meinte, keine Sekunde geschlafen zu haben. Immer war ein Geräusch, eine Bewegung zu hören. Seltsamerweise bekam ich dennoch nichts von dem Sturm und dem Regen mit, die in dieser Nacht über Bühl hinwegzogen.

Morgens um fünf (!!!) fing eine stattliche Anzahl von Weckern an zu lärmen: Rolf holte die 20 Minuten wieder ein. Vorsichtshalber hatte er sich schon verzogen, und es dauerte ein wenig, bis Grace die Wecker gefunden und abgestellt hatte.

Langsam standen wir auf und zogen uns an. Die üblichen Lang-Lauf-Prozeduren (Kleben, Schmieren, Dehnen) wurden durchgeführt, dann setzten sich alle zum Frühstück. Auch dieses war reichlich: Müsli, Brot, tolle Marmelade, Obst, Milch. Gestärkt und voller Vorfreude machten wir uns auf den Weg zum Bühler Bahnhof, um von dort nach Offenburg an den Start zu kommen.

Mit Engelsgeduld fütterte Rolf den Automaten, um für 32 Leute die richtigen Fahrscheine (mit oder ohne Bahncard) zu bekommen.
   
Wir anderen hatten währenddessen ein Intermezzo mit einem Betrunkenen, der ein 2-Euro-Stück gewechselt haben wollte und es einfach nicht verstehen konnte, dass so viele Menschen überhaupt kein Kleingeld mit sich führten. Kopfschüttelnd zog er schließlich von dannen.

Um sieben Uhr früh lag die Temperatur schon bei elf Grad und es war föhnig. Wir aber waren richtig warm angezogen. Hatte doch der Wetterbericht Hagel, Graupel, Eisregen und Orkan vorhergesagt. Noch war nichts davon zu sehen.

So begann im Zug das Ganze von vorne: Was ziehe ich aus was lasse ich an? Zwischen Pulli und Hemd fällt mein Blick auf ein paar haarige Beine, und ich höre Grace sagen: „Das ist doch nicht wahr, oder?“. Ein Mitläufer zieht seinen Fotoapparat, um diese Erscheinung aufs Foto zu bannen: Eddi, wild entschlossen, trotz der Unwetterwarnung den Eisweinlauf in Shorts, T-Shirt und Wollmütze zu bewältigen („So lange der Kopf warm ist ...“).   Stolz und strahlend verkündet er, 5 paar Shorts und T-Shirts eingepackt zu haben, so dass er sich nach jeder Etappe umziehen könne. Auch wir führten fast unsere gesamte Laufausrüstung mit - vorsichtshalber.
In Offenburg angekommen, verstauten wir unsere Kleiderbeutel im Versorgungsfahrzeug und stellten uns zum Gruppenfoto auf.
 
 
 

Weil Rolf grade alle so schön zusammen hatte und niemand weglaufen konnte, gab er die Lauf- und Pausenordnung bekannt: „Gemeinsam loslaufen, gemeinsam ankommen“ war das Motto.

Deshalb mahnte Rolf die schnelleren Läufer zu einem langsamen Tempo und forderte die Langsamen auf, einen schnelleren Schritt anzuschlagen. Dann kündigte er an, wo und wann die Pausen stattfinden sollten und was man dabei alles zu beachten hätte. Kurz: „Umziehen, essen, pinkeln nur in der Pause!!!“

Wir versprachen alles ... Dann war es acht Uhr. Rolfs Trillerpfeife ertönt und unter Jubel und Gelächter setzte sich die Gruppe in Bewegung. Es war grausig warm und alle stöhnten unter der unvermuteten Hitze.

Rolf hatte, wie schon gesagt, 5 Pausen geplant. Dadurch ergab sich auch die Möglichkeit, statt der ganzen Strecke nur eine oder mehrere Etappen mitzulaufen. Einige nutzten die Gelegenheit, und so lernte man während des Laufes immer neue Leute kennen.

Die zwei Mountainbiker begleiteten den Zug. Sie umkreisten uns, fuhren hin und her, rauf und runter, um Panorama-Fotos von der gesamten Läuferschlange machen zu können oder radelten an vorderster Front, um den rechten Weg auszumachen.  

Trotzdem verliefen wir uns. Klar, Grace und ich waren dabei. Wir, die Weltmeisterinnen im Verlaufen und der lebende Beweis, dass alle Wege nach Rom führen. Das hatten wir bereits beim Training für den Schwäbisch-Alb-Marathon unter Beweis gestellt. Denn trotz bester Vorbereitung mit Karten und Plänen landeten wir bei jedem Ausflug wieder auf neuen Wegen und unbekanntem Terrain. Dennoch kamen wir stets schnell und sicher genau dort an, wo wir ursprünglich auch hingewollt hatten.

 
 

? ? ? ? ?

 
 

Natürlich machten Grace und ich uns so unsere Gedanken, ob unsere Eigenheit auf Rolf abegfärbt hätte. Oder war es womöglich so einfach, dass ein Mann – der bekanntlich im Gegensatz zur Frau nicht multi-tasking-fähig ist – durch angeregte Unterhaltung mit Mitläufern die Anzeige seines GPS-Gerätes falsch beurteilte? Egal wie, uns störte das nicht weiter, und so setzten wir nach einer scharfen Kehrtwende den Lauf unverdrossen fort.

Wenn ich schon am Lästern bin:        

Rolfs Order, dass die Langsamen (also auch ich) stets vorne zu laufen und das Tempo zu bestimmen hätten, wurde nach jeder Pause konsequent Folge geleistet. Bis der Tross lachend und schwatzend auf Betriebstemperatur war. Dann wurde ich langsam aber sicher nach hinten durchgereicht. Hat mich irgendwie an den TF Feuerbach erinnert ... ;=)   Dennoch: Ich fand's prima. Hatte ich doch stets nette Begleitung, gute Unterhaltung, viel zu schauen, und eine Menge Spaß.

A propos Begleitung: Unser Versorgungstross verdient ein ganz besonderes „Dankeschön!“ Außer den Mountain-bikern Norbert und Herbert hatte Rolf seine Kinder und ein paar gute Bekannte rekrutiert: Sein Sohn Benjamin (15) kam uns an jeder Station mit liebevoll gerichteten Müllsäcken entgegen, damit wir Schutz gegen Kälte und Nässe hatten. Seine Tochter, ihre Freundin und drei weitere von Rolfs Lauffreunden (Hubert, Ulrich und Gottfried) holten an jeder Station die Taschen aus dem Auto, damit wir uns umziehen konnten.

Aber das war nicht alles: Die Helfer bauten außerdem einen Versorgungstisch auf, dessen Angebot überwältigend war: verschiedene heiße Tees, Säfte, Cola, Karamalz, Wasser, warme Fleischbrühe, Kuchen, Kekse, Obst, Salzgebäck, Käse, Brot und ich weiß nicht was noch alles.

 

Nur ein Wunsch konnte nicht erfüllt werden:

An der dritten Station hob Christof sein Fingerchen und meinte zaghaft: „Ich hätte dann gerne eine Curry-Wurst mit Pommes.“

Gottfried sah ihn lange und nachdenklich an.

Dann sagte er leise, aber bestimmt: „Die ... gibt's dann an der nächsten Station!“

Damit war auch dieses Thema vom Tisch.

 

Und wie war der Lauf selbst? Außergewöhnlich!

Wir hatten – allen Unwetterwarnungen zum Trotz – sehr viel Glück mit dem Wetter. Zwar setzte kurz vor der ersten Pause ein heftiger Eisregen ein, der uns alle bis auf die Haut durchnässte, ansonsten blieb die Strecke nahezu trocken.

Herrliche Ausblicke gab es entlang der Strecke: auf das Straßburger Münster, das in der Sonne glitzerte, auf die Vogesen, die sich dunkelblau gegen den blitzeblauen Himmel abzeichneten. Ein anderes Mal liefen wir knapp vor einer großen Regenwolke her, bewunderten ihre goldgezackten Ränder und beobachteten, wie sie weit in der Ebene abregnete. Wir schauten uns die weißen Dörfer und Städte an, betrieben Landeskunde, versuchten uns in Geschichte und sprachen über die Prominenz, die rund um Baden-Baden heimisch ist.

Es gab so viel zu schauen, so viel zu erleben, so viel zu reden und zu lachen, dass ich darüber fast meine schmerzenden Muskeln vergaß. Mit der Zeit verlor auch die Frage an Bedeutung, ob ich überhaupt noch Füße   hatte. Denn inzwischen waren wir gut 50 km gelaufen.

Jeder Schritt tat weh und das, offen gestanden, selbst bergab – wo doch genau da meine eigentlichen Stärken liegen ... Als Rolf sah, wie ich mich quälte, schlug er mir herzlich auf die Schulter und meinte aufmunternd: „Weißt du, Elvira, wir beide laufen die Strecke ja sowie nur zum Spaß. Als Training für die Wüste ist dieser Lauf denkbar ungeeignet! Dort gibt es keine so hohen Berge!“

Das brachte mich dann wieder auf Vordermann, denn „zum Spaß“ laufe ich am liebsten ...

Ans Aufhören habe ich nie gedacht. Ganz kurz nur flog es mich an, dass die Möglichkeit theoretisch ja gegeben wäre. Kurzerhand wischte ich diesen Gedanken weg: „Doch nicht auf den letzten 20 Kilometern!“ Zugegeben, sehr viel geredet habe ich da nicht mehr. Statt dessen wurde ich bestens unterhalten.            

Langsam senkte sich die Dämmerung herab. Alle, die Lampen hatten, nahmen sie in Betrieb. Beständig näherten wir uns unserem Ziel. Die letzten Meter, vorbei am Südwestfunk, ging es dann nur noch bergab. Von Weitem sahen wir Lichter glitzern, hörten die Musik und rochen gebrannte Mandeln. Dort war der Baden-Badener Weihnachtsmarkt, wir waren am Ziel!

Alle waren müde, aber glücklich: Margarita, die sonst nur die dicken 100er läuft, Ewald, der die Strecke tapfer mit Rucksack durchgelaufen war, um seinen Rücken schon mal auf die Wüste einzustimmen, Eddi, dem es allmählich kühl wurde, Grace, ich und alle anderen auch. Rolf war froh, dass alle Schäfchen heil angekommen waren. Alle Schäfchen? Doch dazu später.

Die Finisher und deren Familien versammelten sich auf dem Parkplatz hinter dem Baden-Badener Theater. Hier gab es erst einmal ordentlich Sekt. Alle waren erschöpft, froh und glücklich, redeten durcheinander, gratulierten sich. Fahrgemeinschaften waren im Vorfeld organisiert worden, und so kam jeder wieder problemlos zurück nach Bühl, wo wir duschen und ausruhen konnten.

Dann kam der Höhepunkt:

Eine wunderbare Nudelsuppe   - köstlich, warm, sättigend.

Ich konnte gar nicht genug bekommen.

Nachdem alle satt waren, schritt Rolf zur Siegerehrung.

Nicht nur, dass jeder von uns eine tolle Urkunde bekam, nein – darüber hinaus wurden wir auch mit einem Fläschchen Rotwein belohnt.

 

Ganz besonders geehrt wurde Norbert, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den gesamten Lauf für uns auf Video zu bannen. Vertieft ins Filmen und von uns allen unbemerkt, war er vom Wege abgekommen und hatte sich deshalb entschlossen, den „Hornisgrinde-Marathon“ außer Konkurrenz zu laufen ;=). Er tat das übrigens in einer so guten Zeit, dass er lange vor uns wieder in Bühl war. Klar, dass wir nächstes Jahr alles tun werden, ihn bei der Gruppe zu behalten!

An dieser Stelle, lieber Rolf, möchte ich dir von Herzen sagen: Solange nicht an jeder Abzweigung menschliche Wegweiser stehen können, ist so etwas immer möglich. Klar, es ist nicht schön. Aber: Deine tolle Organisation und Leitung hat das mehr als wett gemacht. Eines ist sicher: Das wird nächstes Jahr nicht mehr passieren ...

Nach Rolf ergriff Hannelore das Wort und überreichte Rolf als Dankeschön eine schöne Flasche Eiswein, damit das mit dem Eisweinlauf auch seine Berechtigung hatte.


Ich konnte allmählich weder sitzen noch stehen. Also tauschte ich letzte Adressen, schleppte mich zum Auto und fuhr nach Hause. Dort nahm ich ein heißes Bad und legte mich sofort ins Bett, während die anderen noch bis um eins bei Rotwein und Geschichten zusammensaßen.

Und wisst Ihr was?

Im Traum habe ich alle Stationen des Laufes noch einmal erlebt – schwerelos, glücklich und unglaublich zufrieden.

Wobei ich direkt bei meiner Eingangs gestellten Frage bin.

Die Antwort ist: Besagte Eigenschaften sind ein Segen. Nicht auszudenken, was ich ohne sie alles verpassen würde ...