„Wieso, warum, weshalb – meine Erlebnisse als Teilnehmer“
Die Erinnerung an meinen ersten Volkslauf über 10 km vor etwa 10 Jahren ist noch nicht verblasst. Dabei nicht einmal der letzte zu sein, erfüllte mich mit Stolz und Zufriedenheit. Dieses Glücksgefühl stimulierte den persönlichen Ehrgeiz und forderte eine Wiederholung. War das der Anfang einer Laufsucht?
Niemals hätte ich mir nach diesem Schlüsselerlebnis vorstellen können, einmal an einer Veranstaltung teilzunehmen, die eine Streckenlänge von 120-facher Länge zu bieten hat. Es ist kein Schreibfehler, die Teilnehmer am Deutschlandlauf standen vor der Herausforderung die Streckenlänge von 1204 km zwischen Kap Arkona (Rügen) und Lörrach in 17 Tagesetappen laufend zu bewältigen.
Meinesportliche Laufbahn seit dem ersten Wettkampf ist gezeichnet durch die Annahme ständig neuer Herausforderungen. Schon bald folgten dem ersten Kampf mit dem inneren Schweinehund Distanzverlängerungen bis hin zum Marathon. Das oberste Ziel, eine Marke bei der persönlichen Bestzeit zu setzen, wich bald der Freude an der Bewältigung längerer Strecken. Das dieser Trend schließlich zur Teilnahme an mehrtägigen Ultralaufveranstaltungen führen musste, war nur eine Frage der Zeit. Auf diesem Weg war ich nicht alleine. Zusammen mit meiner Frau mutierten wir zur Läuferfamilie - unser läuferisches Highlight - die gemeinsame Bewältigung des Marathon des Sables 2005.
Der Deutschlandlauf, eine Herausforderung in jeglicher Hinsicht. Hier verdient die sportliche Komponente, mit ihren höchsten Ansprüchen an körperliche Fitness und mentale Stärke besondere Beachtung. Bin ich diesen Strapazen gewachsen??? Kann ich diese Leistung innerhalb meiner persönlichen Grenzen erbringen??? Es besteht kein Zweifel, die zwischen der rein physischen Laufbewegung und dem persönlichen ICH bestehenden Verbindungen werden Grenzbelastungen ausgesetzt sein, die bislang noch in weiter Ferne lagen. Wie werde ich hier reagieren????
Neben dieser persönlichen Herausforderung stand mein soziales Engagement im Rahmen meiner Freude am Laufen. Als Ultraläufer hat man Zeit, viel Zeit auf den langen Trainingsstrecken seinen Gedanken nachzugehen. Auf vielen Kilometern formierte sich eine Frage, der schließlich auch Taten folgen.
Was wäre, wenn jeder Schritt, jeder Kilometer,
jede Wettkampfstrecke Menschen gewidmet würde,
die Hilfe benötigen?
Der Grundstein zur privaten Initiative laufendhelfen.de war gelegt. Wir wollenAkzente setzen und beim Wort genommen werden. Nach dem Motto „nicht mehr „nur“ laufen, sondern „laufend helfen““ wollen wir unsere „Ausdauer beim Helfen“ unter Beweis stellen. Unsere Aktivitäten möchten auf die Notwendigkeit der Unterstützung behinderter Menschen aufmerksam machen und so Spender, Sponsoren und Mäzene für unsere Idee gewinnen. (mehr unter www.laufendhelfen.de )
War dies nicht Grund genug, die Anmeldung
zum Deutschlandlauf auszufüllen???
Für muskelkranke Kinder durch Deutschland zu laufen – dieser Gedanke motivierte. Bereits im Rahmen des Marathon des Sables wurde der Verein „aktion benni & co e,V.“ von laufendhelfen.de durch meine Frau und mich unterstützt.
Der Verein „aktion benni & co“ betätigt sich auf dem Gebiet der Forschung der immer noch unheilbaren Krankheit „Duchenne Muskeldystrophie“ (DMD). Das vererbte Krankheitsbild bestimmt das Schicksal von ca. 3500 Jungen in Deutschland von Geburt an und tritt oft erst im Kindergartenalter zu Tage. Ein leicht auffälliger Bewegungsablauf macht aufmerksam auf den schlimmen Verlauf beim Wachstumsaufbau der Muskulatur. Schnell schreitet diese Krankheit voran und bindet die Kinder bereits im frühen Schulalter an den Rollstuhl. Derzeit gibt es keine Medikamente welche diese Krankheit heilen oder nur stoppen könnte. So werden neben der Bewegungsmuskulatur auch die Muskulatur des Halteapparates befallen bis schließlich auch die zur Atmung benötigen Muskelkräfte schwinden. Ein Schicksal, das im jugendlichen Alter die volle Unterstützung der Mitmenschen benötigt und schließlich im jungen Erwachsenenalter zum Tode führt.
„aktion benni & co“ - ein Verein betroffener Eltern - stellt sich diesem Schicksal und arbeitet in engagierter Weise bei der Suche nach dem rettenden Medikament. Die Spendengelder werden zu Forschungszwecken gesammelt um erfolgversprechende Projekte finanziell unterstützen zu können. (mehr dazu unter www.abc-online.org )
Laufendhelfen.de hat seine Zusage der Hilfe an „aktion benni & co“ gegeben und so werben wir gerne nach dem Motto „gesunde Muskeln für kranke Muskeln“ im Namen der „Duchenne-Kinder“. Das speziell eingerichtete Spendenkonto lautet:
Aktion benni & co e.V.
Sparkasse Neuwied, Konto 210 35 88, BLZ 574 501 20
Verwendungszweck: „laufendhelfen.de“
Die Entscheidung war gefallen, der Startplatz gesichert. Das Training konnte beginnen. Nun galt es dem Körper die Bewältigung langer Distanzen nahe zu bringen. Ich tastete mich langsam und vorsichtig an die erhöhte Belastung von wöchentlich 130 – 150 km heran. Wohlwissend dass beim Wettkampf deutlich über 400 km pro Woche abverlangt werden. Das machte mir natürlich schon etwas Sorge, doch das Training schlug so gut an, dass mich das vorgeschriebene Mindesttempo von 6 km/h tröstete. Nach dem Motto – das sollte doch drin sein - , blieb der Kopf über Wasser und ließ die cut-off-Zeit in der Ferne entschwinden. Ein fataler Fehler, wie sich später nach ca. 8 Etappen herausstellen sollte.
Das die meisten Kilometer mit dem Kopf gelaufen werden, war für mich kein Geheimnis mehr. Das Präparieren der Gehirnwindungen also ein unbedingtes Muss und so motivierte ich mich mental bis in die Haarspitzen. Ich füllte meine Notfallschubladen gedanklich mit Werkzeugen, die mir später, wenn es richtig ernst werden sollte, aus dem Sumpf der Untergangsstimmung heraushelfen sollten. Diese Trainingseinheiten stellten sich später als der Grundstein für den persönlichen Sieg über diese Distanz heraus. Es wurde nämlich nicht nur richtig ernst, sondern richtig heftig ernst.
Die notwendige Einstimmung auf den Deutschlandlauf beschäftigte mich auch im Hinblick auf mein soziales Engagement. Im Rahmen des Deutschlandlaufesdie Ziele von aktion benni & co durch meine Initiative laufendhelfen.de zu unterstützen, war mein soziales Ziel. Ingo Schulze, der Veranstalter dieses schwersten Ultralaufes in Europa, gab mir dazu seine Zustimmung. Wenn die Laufschuhe nach dem Training ins Regal wanderten, der Geist entsprechend auf die Strapazen der durchschnittlich 72 km pro Tag eingenordet war, konnte die Vorbereitungsarbeit für die Unterstützung meines Sozialpartners beginnen. Dabei stand das Ziel der Öffentlichkeitsarbeit im Vordergrund. Werbende Maßnahmen wie ein auffällig plakatiertes Begleitfahrzeug, sowie Interviews durch die Medien erfüllten am Ende unsere Vorstellungen zur vollen Zufriedenheit. Das dabei die durch laufendhelfen.de vermittelten Spenden auch noch die Grenze von 10000,- € überschreiten konnten, war ein lohnendes Ergebnis der Mühe.
Fast 8 Monate der intensiven Vorbereitung vergingen wie im Flug. Lediglich die letzten Wochen vor dem Start, in denen die Trainingsleistung etwas reduziert wurde, um nicht in ausgebrannter Stimmung in Rügen am Start zu stehen, schienen endlos. Dann endlich der Startschuss – der Weg zum Ziel war freigegeben. Jetzt kamen die langen Stunden der Wahrheit, der Abgleich mit dem in der Trainingsphase erlernten, die schmerzende Korrektur von Missdeutungen.
Deutschlandlauf – die Tiefgründigkeit dieses Wortes wurde jedem Teilnehmer spätestens kurz nach dem Start bald klar. Natürlich hatte uns Ingo Schulze in seiner ungeschönten Ausschreibung auf alles aufmerksam gemacht - doch kann man sich die Wirklichkeit vorstellen, wenn man sie noch nicht erfahren hat????
Die angekündigte Dramatik des Veranstalters regte meine Fantasie zwar enorm an und so war mirbereits vor der Anmeldung klar, dass es sich hier nicht um eine Pauschalreise mit Vollpension, sportlicher Animation und Familienanschluss handeln kann. Die Begegnungen mit Mehrtages-Ultraläufen waren mir eine solide Basis und so sollte es nicht sonderlich schwer fallen, die Fortsetzung um weitere 11 Tage abzuschätzen – DACHTE ICH.
Was schließlich auf mich hereinbrach, steht stellvertretend für viele Teilnehmer an dieser Veranstaltung und kann in einer frei interpretierbaren Schlagzeile kurz und prägnant zum Ausdruck gebracht werden.
Deutschlandlauf 2005 – Auch Männer dürfen weinen.
Was auch immer dem Leser dieser kurzen Zusammenfassung spontan in den Sinn kommt – es stimmt und war eher noch dramatischer.
Natürlich hatte kein einziger Teilnehmer die Vorbereitung auf die leichte Schulter genommen, doch war es nicht einfach die richtige Trainingsmischung für diese Herausforderung zu finden. Kilometerfressen im Wechselspiel mit mentaler Vorbereitung und geistiger Einstimmung auf die körperlichen Strapazen war sicherlich der Schlüssel zum Erfolg. Doch ob dieser Schlüssel auch wirklich auf die Türen der einzelnen Etappenziele passen sollte, blieb bis zum Schluss nicht nur ein Geheimnis sondern hing auch all zu oft an einem seidenen Faden.
Wie war das mit dem von Ingo propagierten Ultraschlappschritt??? Hier hatte jeder seine persönliche Vorstellung. Im Vergleich mit Lauffreunden des heimischen Lauftreffs galt man als Schnecke wenn man die Bremse soweit anzog, dass man eigentlich schon nicht mehr richtig rund laufen konnte. Allzu leicht war man versucht, die vorgegebene Mindestgeschwindigkeit von 6 km/h als „locker erreichbar“ einzustufen. Es sollte sich herausstellen, das hier Training und Wirklichkeit meilenweit auseinanderliegen.
Frisch und voller Tatendrang standen 67 Teilnehmer am Kap Arkona und schauten erwartungsvoll gen Süden. Jeder hatte Lörrach vor Augen und hoffte auf einem möglichst hindernisfreien Weg dieses hochgesteckte Ziel zu erreichen. Die Warnungen von Ingo klingen mir noch im Ohr – „Leute, denkt an den Ultraschlappschritt. Lasst Euch Zeit, übertreibt es nicht bereits am ersten Tag“. Natürlich sind wir alle mit angezogener Bremse losgelaufen – aber selbst das war, wie sich vielfach erst nach Tagen herausstellte noch zu schnell.
Noch waren die Worte Erschöpfung, Kampf, Schweinhund und ungebrochene Willenskraft in der Notfallschublade, doch galt es bereits jetzt durch Verstand und Vernunft dem Körper eine Chance zu geben, sich an die folgenden Strapazen zu gewöhnen. Ein Unternehmen wie der Deutschlandlauf ist keine Sprintveranstaltung und so ist es auch zu verstehen, dass der Körper die erforderlichen Anpassungen nicht in digitaler Weise von einem auf den anderen Tag vornimmt. Er hinkt eher mit einer gewissen Verzögerung den enormen Belastungen der ersten Tage hinterher, suggeriert höchste Anpassungsfähigkeit durch die Tatsache, dass es einem fast eine ganze Woche lang den Umständen entsprechend „ungewöhnlich gut“ ergeht. Doch dann – und so war es nicht nur bei mir - schlägt er erbarmungslos zu. Anschwellende Fußgelenke, schmerzende Schienbeine werden durch Schonhaltung beim Laufen auf eine erträgliche Schmerzgröße fixiert. Doch wie so häufig im Leben ist dies mit durchaus unangenehmen Nebenwirkungen verbunden. Die Schmerzen im Bein werden zwar weniger, doch meine knapp 80 kg Körpermasse bieten noch genügend Raum für „Nebenkriegsschauplätze“.
Der Lauf nimmt plötzlich eine Wende. War bis hier hin eine gewisse Kontinuität und Ruhe vorhanden, so erfahre ich nun den Kampf mit den Gewalten. Der innere Schweinehund beginnt nicht nur zu bellen, er fletscht bedrohlich seine Zähne und springt mich angriffslustig an. Es beginnt die Phase des Überlebenskampfes. Wer diese Phase in den Träumen seines mentalen Trainings bereits vorbereitend durchlebt hat, kann sich glücklich schätzen. Die Situation erfordert hier oftmals blitzschnelles Handeln. Das richtige Gegenmittel zum giftigen Wadenbiss des Gegners, der einen mit aller Gewalt zum Aufgeben zwingen will muss in der Notfallschublade griffbereit gelagert sein.
Mir fehlen die dichterischen Worte, die Dramatik zu schildern, der ich mich fast von einem Schritt zum Nächsten ausgesetzt sah. Was jetzt noch half, war ein befreiendes Weinen und ein aufbauendes Telefonat mit meiner lieben Frau.
Nie hätte ich geglaubt, dass einen Worte und Tränen dem sichergeglaubten Abgrund entreißen können – ja sogar die Kraft für die weiteren Strapazen wieder zurückgeben können. Lörrach bekommt wieder eine reelle Chance.
Die geschilderte Dramaturgie ist fester Bestandteil solcher Ultralaufveranstaltungen. Jeder Teilnehmer wird mehr oder weniger mit ihr konfrontiert. Zum Glück erwischt es nicht alle gleichzeitig, sodass sich auch die Teilnehmer untereinander aus diesem Sumpf ziehen können. An dieser Stelle darf ich mich bei unzähligen Mitstreitern ganz herzlich für Ihre Hilfe bedanken.
Es wäre nicht in meinem Sinne, wenn diese Zeilen als Jammern, Gang durch die Hölle oder gar heldenhafte Taten verstanden würden. Nein – ich möchte ganz realistisch schildern, womit Ersttäter beim härtesten Ultralauf Europas rechnen müssen. Es soll aber auch zum Ausdruck kommen, dass die Bewältigung dieser Strapazen auch ihre guten Seiten auf zu weisen hat. Frei nach dem Motto „was uns nicht umbringt, macht uns nur härter“ lässt sie uns wachsen. Das Überschreiten der Ziellinie in Lörrach ging mit einer unbeschreiblichen Veränderung einher. Wo sind die Probleme, die uns noch vor 3 Wochen so arg beschäftigten??? Wir haben gelernt Dinge in einer neuen Dimension zu betrachten und haben uns einen kleinen Einblick im Umgang mit scheinbar unlösbaren Zwischenfällen verschafft.
Kein Zweifel – wir sind gewachsen. Wir haben einen großen Schritt getan – 1204 km haben uns den Blick in eine neue Dimension eröffnet. Eine Erfahrung, die ich trotz aller Strapazen nicht missen möchte.
An dieser Stelle möchte ich noch einmal meinen Dank an alle Helfer, Teilnehmer und vor allen Dingen den Veranstalter zum Ausdruck bringen. Inge und Ingo Schulze – Ihr habt es geschafft, dass wir uns einen Traum erfüllen konnten der lange über diese 17 Tage anhält. Die Eindrücke und Erlebnisse werden uns unvergessen bleiben, wir werden davon wohl Zeit unseres Lebens zehren können und so ist Euch unser langfristiger Dank für diesen Pauschalurlaub mit sportlicher Animation, Familienanschluss und „all inclusive“ gewiss.
Ein Wort an jene, die noch die Schwelle der Entscheidung zur Teilnahme 2006 überschreiten wollen. Lasst Euch nicht abschrecken – die positiven Seiten überwiegen bei weitem – geht von dem schlimmsten aus und freut Euch über jede Kleinigkeit die Euch das Leben schenkt – am Ende werdet Ihr reich beschenkt.
Ich freue mich, dass ich dabei war, dass ich als Botschafter von „aktion benni & co e.V.“ einen Beitrag für die Duchenne-Kinder leisten konnte. Der 17-tägige „Leidenslauf“ gibt mir Hoffnung dieser schlimmen Krankheit erfolgreich die Zähne zeigen zu können. Bis dahin darf ich zum Schluss noch meine Oma zitieren, die mir mit Ihrem Spruch schon als Kind in scheinbar ausweglosen Situationen Mut zugesprochen hat.
Und immer wenn du meinst es geht nicht mehr,
kommt von irgendwo ein Lichtlein her.
Partnerstadtlauf
Obersasbach (D) - Marmoutier (F)
________

Rheinsteig-Erlebnislauf
(Bonn - Wiesbaden)
Danke für Deinen Kommentar

Course d'Alsace
(Wissembourg - Rastatt)
Danke für Deinen Kommentar
![]()
Freundschaftslauf
Renchen-Ulm - Rheinau-Linx
Danke für Deinen Kommentar

Nachtlauf
(Baiersbronn - Baden-Baden)
Danke für Deinen Kommentar

24-Stundenlauf-Forbach
Danke für Deinen Kommentar
![]()
Michelbacher Vollmondlauf
Danke für Deinen Kommentar

Panoramalauf
(Rund um Baden-Baden)
Danke für Deinen Kommentar

Eisweinlauf
(Offenburg - Baden-Baden)
Danke für Deinen Kommentar

Freundschaftslauf
Durbach - Straßburg
Danke für Deinen Kommentar
29.01.2009
Belohnung für Gesundheitsbewusste
16.11.2008
4. Rheinsteig-Erlebnislauf
06.11.2008
7.Eisweinlauf 2008
20.02.2008
Partnerstadtlauf von Zell a.H. nach Baume-les-Dames