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Mein bisher längster Lauf und die schönste Laufveranstaltung

„Bist Du extra wegen dem Lauf die weite Strecke hierher gekommen?“ fragten mich etwas ungläubig viele Teilnehmer, so dass es mir fast ein wenig peinlich war mit „Ja“ zu antworten. Es mag ja auch ein wenig ungewöhnlich sein ca. 800 km mit der Bahn zurückzulegen, um dann 65 km und 1800 Höhenmeter durch die Weinberge von Offenburg zum Weihnachtsmarkt nach Baden-Baden zu laufen und danach am Abend wieder zurück zu fahren. Aber für den Schwäbische Alb Marathon vor 2 Monaten war ich ja auch so weit gefahren – und das war „nur“ ein 50 km-Lauf. Der Quotient aus Anfahrtsweg und Laufstrecke war also für den Eisweinlauf schon wesentlich günstiger. Der Alb Marathon war mein erster Lauf in der Ultra-Distanz und da ich die 50 km-Strecke mit ihren 1100 Höhenmetern für mich persönlich relativ gut bewältigt hatte, war das für mich Grund genug nach einer neuen Herausforderung Ausschau zu halten. Auf der Sport-Messe am Vorabend des Alb-Marathons erfuhr ich von dem Eisweinlauf und wurde „infiziert“ von dem Gedanken eine so lange Strecke in Angriff zu nehmen sowie von dem Erlebnis eines Gruppenlaufs und dem Grundgedanken von „laufend helfen“. So meldete ich mich bereits drei Tage später für den Eisweinlauf an, um wieder ein Ziel vor Augen zu haben, worauf ich mich freuen kann.

Bei meinem letzten etwas längeren Trainingslauf von 20 km etwa drei Wochen vor dem Eisweinlauf kamen mir dann doch leichte Zweifel: Ich konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen nach dieser Distanz noch weitere 45 km zu laufen und fragte mich, ob ich mich mit der Anmeldung zum Eisweinlauf nicht doch übernommen hatte. Ich beruhigte mich damit, dass die Vorbereitung für die Teilnahme an so einem Ultra-Lauf nicht in Wochen oder Monaten gemessen wird und vertraute auf meine etwa 5 jährige Laufpraxis und die Motivation durch die Gruppe.

Für mich war der Eisweinlauf in vielerlei Hinsicht eine neue Erfahrung. Da war zunächst die Streckenlänge, die für mich ein unbekanntes Terrain darstellte und natürlich wieder die Berge, die ich ja aus Nordbrandenburg nicht so gewohnt bin. Die andere Besonderheit bestand darin, dass gemeinsam in einer Gruppe gelaufen wurde und der Erlös aus der Veranstaltung sowie der Spenden der Organisation „benni & co“ zu Gute kam, die sich für die Erforschung eines Medikamentes gegen die Duchenne Muskeldystrophie (eine unheilbare, tödlich endende Erbkrankheit) einsetzt. Das gab der Teilnahme an dem Lauf einen ganz besonderen Reiz, einen tieferen Sinn und das Gefühl mit dem Hobby so ganz nebenbei eine gute Sache zu unterstützen.

Am Vorabend wehte mir auf dem Weg vom Bahnhof zum Dokan, dem Treffpunkt des Eisweinlaufes, ein eiskalter Wind entgegen. „Na, das kann ja was werden. Zum Glück laufen wir in die andere Richtung.“ dachte ich mir. Pünktlich um 19:00 traf ich im Dokan ein und wurde gleich von Brigitte und Rudolf Mahlburg begrüßt und fühlte mich bereits wie am Ziel angekommen und herzlich aufgenommen. Es herrschte eine sehr familiäre Atmosphäre und der Idealismus und Enthusiasmus von Brigitte und Rudolf durchzog vom ersten Augenblick an die gesamte Veranstaltung. Ich holte meine Startunterlagen ab: u.a. ein Namensschild mit dem schönen Logo des Eisweinlaufes, die Gutscheine für das Abendbrot und ein Zettel mit zwei „Notfallnummern“ falls man die Gruppe verliert und sich verläuft. Es war alles perfekt vorbereitet und an alles gedacht.

Zum Abendbrot wurde in gemütlicher Runde gespeist, natürlich schwäbisch: vegetarische Maultaschen, eines meiner Lieblingsgerichte. Getränke und Kuchen konnte sich jeder so viel nehmen wie er wollte. Am Ende der Veranstaltung hatte dann jeder Teilnehmer die Möglichkeit so viel Geld in ein Sparschwein zu stecken, wie es für ihn angemessen erschien und ihm die Teilnahme an der Veranstaltung wert gewesen ist. Auf diesem Weg kam mit Sicherheit mehr Geld für „benni & co“ zusammen, als wenn jeder alles einzeln bezahlt hätte. Gegen Mitternacht waren dann alle in ihren Schlafsäcken, denn um 5:30 war das Wecken angekündigt.

Am nächsten Morgen war von der sonst wohl jedem bekannten Aufregung und Anspannung, die vor Laufwettkämpfen üblich ist, nicht das Geringste zu spüren. Der Eisweinlauf ist eben wirklich eine Laufveranstaltung der anderen Art: keine Zweifel ob und wie man die Strecke bewältigt, stattdessen Zuversicht und Vertrauen das schon irgendwie zu schaffen. Keine Gegner oder Konkurrenzdruck, sondern gemeinsames, entspanntes und lockeres Laufen in der Gruppe. Kein Zeitstress, sondern „nur“ das Ziel die Strecke gemeinsam zu bewältigen, viel frische Luft zu atmen und einen schönen Tag zu verbringen. Man konnte sich sozusagen regelrecht in das Laufen hinein entspannen ohne an irgendetwas denken zu müssen.

Ein Bus brachte uns um 6:50 zum Bahnhof nach Offenburg, wo wir um ca. 7:30 ankamen und uns bis zum Start noch in der Wartehalle aufwärmten. Nach einem Gruppenfoto, einer kurzen Ansprache von einem Mitarbeiter der Stadtverwaltung und den letzten Instruktionen von Rudolf ertönte dann pünktlich um 8:00 die Trillerpfeife zum Start. Es ist immer ein ganz besonderer Moment die ersten Schritte für eine solche lange Distanz anzutreten, denn jeder auch noch so lange Weg beginnt letztendlich immer mit dem ersten Schritt. Bei einer Temperatur von ca. -5°C und dem langen Weg, der vor und lag, war es wohl für alle ein tiefes Bedürfnis und eine Erleichterung endlich loslaufen zu können und warm zu werden. An die 65 km, die noch vor uns lagen, dachte ich lieber nicht, sondern eigentlich immer nur an die nächsten Versorgungspunkte, die wir etwa alle 10 km passierten. In meinem Kopf war dementsprechend weniger eine 65 km-Strecke zu bewältigen, sondern vielmehr sechs Etappen von jeweils etwa 10-11 km. Es ist ja auch bekannt, dass solche langen Strecken im Kopf gelaufen werden.

Die unerfahrenen Läufer auf der Ultra-Distanz sollten möglichst weit vorne laufen, um das Tempo mit bestimmen zu können. Doch die Gruppe blieb ohnehin auf der gesamten Strecke so dicht beieinander, dass es eigentlich keinen großer Unterschied machte, ob man vorn oder hinten lief. Nach 9 km war bereits der erste Versorgungspunkt am Schloss Staufenberg erreicht. Die Sonne war schon hinter den Bergen hervor gekommen und man hatte eine herrliche Aussicht auf die morgendliche Landschaft. Es würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen (und den meines Gedächtnisses), wenn ich alles aufzählen würde, was es an den Versorgungsstellen gab. Es war jedenfalls reichlich und mit Sicherheit für jeden das Richtige dabei (sogar Gummibärchen). Die warmen Getränke (z.B. Tee und Brühe) wurden in Mehrwegbechern dargeboten. Das Gepäck von jedem Läufer wurde an jedem Versorgungspunkt sorgfältig auf Plastikplanen der Reihenfolge nach hingelegt, so dass jeder seine Sachen schnell finden konnte und sich gegebenenfalls trockene Kleidung anziehen konnte. An jedem Versorgungspunkt waren 10 Minuten Zeit eingeplant. Am dritten Versorgungspunkt wurde auch Glühwein angeboten, doch das war wohl eher was für die routinierteren Läufer, denn noch lagen ja etwa 35 km vor uns. Da dieser Versorgungspunkt in einer Schutzhütte aufgebaut war, war es hier leider ziemlich eng und erst als die Pause schon fast vorbei war kam ich an ein Malzbier heran, das ich dann ziemlich schnell runter kippen musste. Aber anscheinend habe ich einen Pferdemagen, so dass mir das nichts ausmachte. Zum Glück hatte eine Läuferin vor mir ein paar Becher Tee nach hinten gereicht. An allen anderen Versorgungspunkten gab es aber keine Probleme. Die meisten Versorgungspunkte waren auch sehr schön in der wärmenden Wintersonne gelegen und boten herrliche Aussichten. Oftmals hätte ich mir eine etwas längere Pause gewünscht und die trillernde Pfeife von Rudolf, die zum Aufbruch für die nächste Etappe ertönte, ärgerte mich manchmal ein wenig. Aber schließlich hatte ich mich ja dazu entschlossen mitzulaufen und bei den winterlichen Temperaturen waren die Pausenzeiten genau richtig, um nicht auszukühlen und wieder gut für die nächste Etappe in Gang zu kommen.

Während der gesamten Strecke war ein permanentes Gemurmel von den vielen Unterhaltungen zu hören. Im Nachhinein habe ich durch die vielen Gespräche, die lange Strecke mit ihren 1800 Höhenmetern gar nicht so richtig mitbekommen. Der Anblick der Läuferschar, mal geballt in einer bunten Gruppe oder auf engeren Teilstrecken wie in einer Kette aufgereiht, war immer wieder erhebend und erfüllte mich mit einem Kraft spendenden Gemeinschaftsgefühl. Die Zeit, immerhin mehr als 9 Stunden, verging wie im Flug. Die zahlreichen Steigungen wurden konsequent im Schritttempo bewältigt. Dies hat Kraft gespart und wohl nicht unerheblich dazu beigetragen, dass auch alle Anfänger der Ultra-Distanz das Ziel gut erreichten sowie überhaupt der ganze Lauf dazu geeignet war die Hemmung und Angst vor solchen langen Distanzen zu verlieren. Die Motivation, die von einem solchen Gruppenlauf ausgeht, bei dem alle miteinander und nicht gegeneinander laufen, ist eine sehr große Unterstützung und macht es jedem erheblich einfacher eine solche Distanz in Angriff zu nehmen und zu bewältigen.Ich weiß nicht, ob ich diese Strecke auch alleine in dieser Zeit geschafft hätte. Nach 50 – 55 km merkte ich dann doch Ansätze zu Muskelkrämpfen in den Waden und Oberschenkel und bemühte mich auf den letzten 10 km ganz besonders um einen kraftsparenden, lockeren Laufstil, den ich dann wohl auch noch einige Kilometer weiter ausgehalten hätte. Vorbilder für einen lockeren, kraftsparenden Laufstil gab es in der Gruppe genügend: Zum Beispiel eine Läuferin, die auch nach 50 km federleicht über den Boden zu schweben schien.

Am Ziel am Weihnachtsmarkt gingen Rolf und Brigitte auf die Tribüne und riefen die Besucher des Weihnachtsmarktes zu Spenden für die Aktion „bennie & co“ auf. Als ich Rudolf und Brigitte so dampfend auf der Bühne stehen sah, empfand ich großen Respekt vor der sportlichen Leistung und mir wurde erst so langsam bewusst, dass wir ja alle zusammen diesen Lauf bewältigt hatten – ich ja auch … Vor einem halben Jahr war eine solche Distanz für mich noch völlig unrealistisch.

Nachdem sich alle trockene Sachen angezogen hatten, brachte uns ein Bus wieder zurück ins Dokan, unserem Basislager. Dort gab es für alle eine warme Dusche, ein Abendbrot, eine Teilnehmer-Urkunde und eine Flasche Wein. Da mein Zug erst nach 22.00 fuhr half ich noch ein wenig beim Aufräumen mit. Sitzbänke, Tische und etliche (noch volle) Getränkekisten mussten in den Wagen getragen werden. Das war ein guter Ausgleich nach dem Lauf. So konnte man gleich noch was für die Arme tun. Ich bekam dabei auch einen kleinen Eindruck davon, mit wie viel Arbeit und Zeit die Organisation eines solchen Laufes verbunden ist und mit wie viel Idealismus Rudolf und Brigitte und alle anderen Helfer bei der Sache sind.

Auch wenn ich eine so lange Anreise habe, so habe ich mir den Eisweinlauf auch für das nächste Jahr wieder in meinem Kalender eingetragen und möchte mindestens bei einer Laufveranstaltung von „laufend helfen“ teilnehmen. Ich bin sozusagen „ultra-infiziert“. Vielleicht bin ich dann nicht der einzige „Wolf“ vom Lupus-Team aus Zehdenick im fernen Nordosten. Man kann natürlich Bedenken haben, ob der familiäre Charakter der Veranstaltung erhalten bleibt, wenn die Teilnehmerzahl am Eisweinlauf noch größer wird. Doch ich bin mir sicher, das Rudolf und Brigitte das auch schaffen.

Schön wäre es natürlich, wenn sich die Idee von „laufend helfen“ noch weiter verbreiten würde und ähnliche Laufveranstaltungen auch woanders stattfinden würden. Das Erfolgsrezept steht sozusagen, es muss „nur“ mit so viel Liebe und Begeisterung ausgefüllt werden, wie Brigitte und Rudolf das tun.

Der Eisweinlauf war jedenfalls die schönste Laufveranstaltung an der ich bisher teilgenommen habe. Ein herzliches DANKESCHÖN und ein großes Lob an Brigitte und Rudolf und natürlich allen anderen Helfer bei der liebevollen Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltung.

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