DIE ZEIT

 

Auf und nieder, immer wieder

Der Rheinsteig ist der unbequemste Wanderweg, um von Bonn nach Wiesbaden zu gelangen. Aber auch der schönste

Von Monika Putschögl

Der Rheinsteig ist hinterhältig, denn er tut selten das, was man erwartet. Der Rheinsteig reizt, denn so schnell gibt man sich nicht geschlagen. Den Rheinsteig vergisst man nicht, denn er steckt noch eine Zeit lang in den Waden.

Der Rheinsteig ist ein Wanderweg. Kein von Gott oder mittelalterlichen Handelsleuten gewollter, sondern ein von Tourismusstrategen ausgetüftelter. Ausgerichtet auf alle Wünsche des modernen Wanderers, will er, ganz bescheiden, der ultimative Wanderweg sein. Einfach ein Premiumweg, mehr nicht. Er zählt rund 320 Kilometer – von Bonn nach Wiesbaden, die Straße braucht dafür nur etwa die Hälfte. Weil nur wenige Extremsportler die gerade frisch eingeweihte Wanderstrecke in einem Rutsch ablaufen werden, lässt der Steig sich in Etappen teilen, häppchenweise in Ausflugstouren, mal stromauf-, mal stromabwärts.

Wildschweine mögen diese Ecke, sagt der Naturpark-Ranger

Der Rheinsteig beginnt, wunderschön und harmlos, mitten in Bonn, der fröhlichen Leider-nicht-mehr-Hauptstadt. Am strahlenden, barockprotzenden Marktplatz, in den Parkanlagen vor der monumentalen Universität, am breiten Rhein kommt beim Arglosen Vorfreude auf. Die Sonne scheint, und die ersten paar hundert Meter weisen kein nennenswertes Hindernis auf. Da wechselt der Rheinsteig schon die Seiten und führt fortan nur noch rechts vom Fluss entlang.

Gut 25 Kilometer später ist er auf dem Drachenfels angekommen, den der Ausflügler auch mit der Zahnradbahn erreicht. Nach den ersten frohgemuten Wanderschritten im Siebengebirge fällt ein letzter Blick hinunter auf das Adenauersche Rhöndorf und auf den behäbigen Rhein. Dann reißt der Steig den Wanderer in die Tiefe, um ihn gleich wieder zäh und stetig durch den Wald hinaufkrabbeln zu lassen, durch dichtes, schier endloses Grün. Matschig vom plötzlich hereinbrechenden Regen, naturbelassen, bucheckernbestückt schlängelt sich der Weg, der höchstens zwei Fuß breit ist. Wildschweine mögen diese Ecke, sagt der knorrige Naturpark-Ranger, der hier unterwegs ist, sie wühlen und scharren nach Mäusen. Das sieht man.

Der Donner grollt. Löwenburg heißt das Etappenziel. Ein in Stein gemeißelter Wegweiser zeigt auf eine Straße, die gemütlich aufwärts führt. Nichts da. Dem weißen R-Schlenker auf blauem Grund gefolgt: Der Rheinsteig schlägt dem viel zu schnell Erschöpften ein Schnippchen und sich selbst schlank und schmal weiter durch den Wald. Gar nicht so dumm, denn bald belohnt eine Traumaussicht die Mühen: Aus wogendem Grün formen sich anmutige Kuppen wie der hotelbepflanzte Petersberg. Aussichten wie diese allerdings machen unmissverständlich klar, was der Rheinsteig vorhat: die Berge rauf, die Berge runter, auf kleinen, feinen Wegen und nie die kürzeste Stecke, sondern immer die aufregendste. Der Rheinsteig ist kein Bummelpfad hoch überm Strom, kein Promenieren auf dem Panoramaweg, kein Schlendern in Sandalen, das verkünden schon seine 39 Ouvertüre-Kilometer in Nordrhein-Westfalen.

Nur gerade mal 15 Kilometer am Tag werden selbst dem geübten Wanderer empfohlen. Im Blickfeld liegen dafür immer wieder der burgengesäumte Strom mit seinen Fachwerkstädtchen und Weinbergen. Der Rheinsteig soll verführen – die Jungen, Dynamischen, für die Wandern Anspruch ist und Abenteuer. Für schlaffe Säcke, die den Umsatz in der Rüdesheimer Drosselgasse hochtreiben, ist er nicht angelegt worden. Und auch nicht für die Weinseligen, die jedes Jahr brav ihren Winzer in Leutesdorf besuchen, um sich einzudecken. Diese Urlauber kommen ohnehin – und kriegen nun ein paar Extratouren obendrein.

Weil Rothaarsteig und Rennsteig schon einen guten Namen haben bei den Wanderern, wollten Hand in Hand die Tourismusmanager von Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Hessen ein drittes R prägen. Sie dachten, das sei ganz einfach, und ließen den über hundert Jahre alten Rheinhöhenweg auf Wandertauglichkeit für die Zunkunft prüfen. Flopp. Die Machbarkeitsstudie ergab: zu viel Asphalt, streckenweise zu weit weg vom Rhein, schlicht – zu langweilig. Im Januar 2003 begann die Planung eines neuen Weges, von dem nun nur fünf Kilometer wirklich neu sind, die übrigen wurden zusammengepuzzelt aus vorhandenen Teilen anderer mal prominenter, mal längst vergessener Wege. Der Westerwald-Verein hat in den letzten Monaten 900 Wegweiser aufgestellt, hat das Signet an Bäume gepinselt, hat orangefarben auch die Einstiegswege markiert.

Wichtig klappern am frühen Morgen die Nordic-Walker über breiten Asphalt parallel zur Ruppertsklamm. Glauben, dass sie sportlich sind. Da sollten sie mal den Rheinsteig nehmen. Der ist nach rund 150 Kilometern in Rheinland-Pfalz an seiner herausforderndsten Strecke angelangt. Es geht nicht seitwärts bequem vorbei an der Ruppertsklamm, sondern mittendurch über Stock und Stein und manchmal fast durch den Bach in der Direttissima nach oben. Alpin geschmückt mit Halteseil am Fels. Man kann es brauchen.

Manchmal überwindet man an einem Tag so viele Höhenmeter wie in den Alpen. Tausend zum Beispiel, nur dass man nicht mal 400 Meter hoch hinauskommt. Vor Jahrmillionen hat die Natur das Rheintal gefaltet. Das hat sie ziemlich gründlich gemacht. Auch ein Mittelgebirge raubt den Atem, wenn man in unerwarteter Mittagsglut durch aufgelassene Weinberge, an alten absterbenden Apfel- und Kirschbäumen vorbei versucht, in stoischer Gelassenheit gleichmäßig atmend steil bergan zu stapfen, manches Mal hart an der Abbruchkante. Nur Ziegenherden und Mountainbiker sind unterwegs hoch über der Rheinschleife bei Boppard.

Auf den letzten 90 von 320 Kilometern wird’s gemütlicher

Doch der Rheinsteig kann auch unvermittelt lieb und zahm sein, gerade dann, wenn man mit einer Herausforderung rechnet. Plötzlich wird er zum schmalen Trampelpfad durch Wiesen, lässt sich auf der einen Seite von Feldern begleiten, und auf der anderen präsentiert er das mittlere Rheintal so schön, dass man alle Romantiker und japanischen Touristen versteht und auch die Unesco mit ihrem Weltkulturerbe-Prädikat. Selbst wenn sich am Spitznack die Loreley nur von der Seite zeigt.

»Ein Premium-Wanderweg inszeniert Erlebnisse«, sagt Rainer Braemer. An Rainer Braemer führt kein Weg vorbei, wenn es ums Marschieren geht. Seit Jahren untersucht er, was die Wandersleute wünschen. Er hat die Leitlinie für den Rheinsteig vorgegeben, denn es gibt Kriterien für den optimalen Wanderweg. Er darf nicht an verkehrsreichen Straßen entlangführen und nicht durch zu dicht besiedelte Gebiete, Minuspunkte gibt es für Lärm und den Ausblick auf Industriegelände, ein Plus heimsen »Dominanzpunkte und Raumeffekte« wie Burgen und alte Stadtkerne ein. Der durchschnittsdeutsche Wanderer, der übrigens kaum mehr geschlossen marschiert, sondern individuell spaziert, setzt seinen Fuß lieber auf Mulch und Schotter als auf Asphalt, mag keine breit geteerten Forstwege, sondern Trampelpfade wie aus Pfadfinderzeiten. Der Rheinsteig, am 8. September feierlich eröffnet, wird in den nächsten Wochen auf seine Tauglichkeit als Premiumweg untersucht. Doch Rainer Braemer weiß jetzt schon: »Es ist der deutsche Leitweg. Wäre er ein Dampfer unten auf dem Rhein, dann wäre er das Flaggschiff.«

Die letzten 90 Kilometer führen durch den hessischen Rheingau. Hier darf auch der Genusswanderer sich freuen, wenn er sich einklinkt in einen staubnormalen meterbreiten Pfad, durch Weinberge latscht, sich umdreht, plötzlich den Rhein aufblinken sieht und ein paar Hochäuser aufragen, die das ZDF sein müssen, der Mainzer Lerchenberg.

Das seit Tagen latente Gefühl bestärkt sich endgültig: Dieses Stück Deutschland ist verflixt schön und jede Strapaze wert. Doch gerade jetzt, da muss er noch mal aufmucken. Der Weg kommt aus dem Wald. In einer Mulde, perfekt für ein Zisterzienserkloster, liegt Eberbach. Es kann nicht mehr weit sein. Doch wo es eine unbequeme Strecke gibt, der Rheinsteig nimmt sie und pirscht sich unvermutet mit einem Umweg an. Er bleibt eben hinterhältig.

(c) DIE ZEIT 08.09.2005 Nr.37

37/2005